KULTUR

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Montag, 30.03.2009

Kreativität oder Krawall ?

Ein Ausstellungsprojekt der Universität Konstanz berichtet über linksalternatives Leben am Seerhein zwischen 1968 und 1996. Zeitzeugen erzählen von Krieg und Frieden, Lust und Frust, Freund und Feind aus jener Zeit. Eine Ausstellung, die vom April bis in den Sommer im Konstanzer Kulturzentrum zu sehen sein wird.
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Im vergangenen Jahr waren sie in aller Munde, die 68er. Sie wurden zum Gegenstand zahlreicher politischer Debatten über das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Während die einen sie zu Vordenkern für liberale Lebensformen in einer weitgehend noch autoritären Gesellschaft erklärten, sahen andere in ihnen vormoderne Romantiker und totalitäre Eiferer.

Jenseits der großen Auseinandersetzungen in Berlin oder Frankfurt will diese Ausstellung den langfristigen kulturellen und gesellschaftlichen Wirkungen der Neuen Linken und der Neuen Sozialen Bewegungen von den späten sechziger Jahren bis in die neunziger Jahre nachspüren. Welche Reaktionen löste das linksalternative Milieu in der traditionsreichen Bodenseestadt aus? Wie organisierten sich die linken Gruppen in Konstanz, welcher Protestformen bedienten sie sich? Welchen politischen Einfluss übten sie aus?

Zeitzeugen aus 40 Jahren

Mehrere Semester lang haben sich Studentinnen und Studenten der Studiengänge Literatur-Kunst-Medien und Geschichte an der Universität Konstanz in Form von Videointerviews, Bild- und Textdokumenten auf eine Spurensuche begeben. Bei dieser Suche recherchierten sie an den Orten, an denen die Linksalternativen sich trafen, nach Ereignissen, die bewegten und nach Themen, die bewegt wurden. Und natürlich nach den Menschen, die sich in vielen kurz- oder langfristigen Projekten und Initiativen engagierten und die vor allem eines miteinander verbunden hat: der Wunsch danach, den als unflexibel und versteinert wahrgenommenen bestehenden Strukturen der Gesellschaft ein selbstbestimmtes und unabhängiges Lebensmodell, eine alternative Kultur entgegen zu setzen.

Die Ausstellung geht Lebensstil, Selbstentwürfen und Umgangsformen des linksalternativen Milieus nach und zeigt die Wirkungen dieser Form politischer Selbstorganisation auf.
So können sich die Besucher über einen interaktiven Stadtplan, über zentrale Orte, bekannte Personen und wichtige Ereignisse vom ‚Hasentötermord’ 1970 bis zur Wahl des ersten ‚grünen’ Oberbürgermeisters in Deutschland 1996 informieren, können auf Videoinstallationen Zeitzeugeninterviews ansehen oder sich in Leseecken und einer ‚WG-Küche’ in historische Dokumente und damalige Diskussionen vertiefen.

Die ‚Touren’:

Sechs ‚Touren’ legen in der Ausstellung Pfade in die Geschichte. Sie führen die Besucherinnen und Besucher an ausgewählten Ereignissen durch Themenfelder, die für die linksalternative Szene in der Region bedeutsam und konstitutiv waren. Sie bieten wechselnde Perspektiven, Ein- und Ausblicke ohne für sich in Anspruch zu nehmen, eine letztgültige Sicht der Dinge zu verkünden. Sie sind – wie die gesamte Ausstellung – Annäherungen an das Geschehene und keine Rekonstruktion.


Drinnen & Draußen

Diese Tour befasst sich mit dem Verhältnis von innen und außen, was als Verfügbarkeit oder Mangel von Wohnraum verstanden werden kann, was für Konstanz als junge Studentenstadt seit den siebziger Jahren symptomatisch war. In diesem Zusammenhang werden die Hausbesetzungen der 1980er Jahre beispielsweise am Fischmarkt ebenso in den Blick genommen wie das spektakuläre Wohn-Bauprojekt in der Chérisy-Kaserne.

Drinnen und Draußen bestimmt aber auch die Grenze zwischen Integration und Ausschluss und ist damit ein Thema, das mit den Stichworten Ausländerfeindlichkeit, Asyldebatte und soziale Randgruppen die linksalternative Szene immer bewegt hat. Augenscheinlich wird dies an Initiativen und Arbeitskreisen wie dem AK Asyl, dem Chile-Komitee sowie an verschiedenen Kundgebungen gegen Ausländerfeindlichkeit vor allem in den 90er Jahren.

Lust & Frust

Zwischen Lust und Frust wird das Verhältnis der Geschlechter verhandelt, nicht nur in der linksalternativen Szene, dort seit den sechziger Jahren aber unter völlig neuen Bedingungen. Frauenemanzipation ist für die linke Szene ein integratives Moment, ebenso wie das öffentliche Auftreten für die Gleichberechtigung homosexueller Mitmenschen. Dass mit der Einrichtung einer städtischen Frauenbeauftragten das Thema nicht erledigt wurde, versteht sich von selbst. Lust und Frust beschreibt aber auch treffend das Gefühl, das eine alternative Jugendbewegung angesichts der kulturellen Eintönigkeit im voruniversitären Konstanz beschleichen musste. Entsprechend sind neue Kneipen, Kultureinrichtungen, Szenetreffs und Musikschuppen Teil dieser linksalternativen Jugendkultur, die heute selbst zum Establishment des kommunalen Kulturlebens gehören.

Krieg & Frieden

Die Themen beherrschten die außenpolitischen Diskussionen der Nachkriegsepoche. In der Friedensbewegung, die nur als Sammlung vielfältiger zumeist lokaler Aktionsgruppen verstanden werden kann, fand ein großer Teil der linksalternativen Szene ihr Sprachrohr. Vor allem als 1983 der militärische Teil des NATO-Doppelbeschluss von 1979 umgesetzt werden und nukleare Mittelstreckenwaffen wie Pershing II und Cruise Missiles in Deutschland stationiert werden sollten. Wie überall in Europa zeigte sich auch in Konstanz eine aktive Szene, die von Fahrgelegenheiten zu Großdemonstrationen bis zur Forderung nach einer ‚atomwaffenfreien Zone’ am Bodensee vielfältige Aktivitäten plante und umsetzte.

Natur & Beton

Umweltschutz wurde zu Beginn der 1970er Jahre zwar nicht erfunden, aber zu einem politisch brisanten Thema. In Konstanz zeigte sich dies besonders eindrücklich an zwei größeren Projekten: Dem geplanten Autobahnanschluss und dem (noch immer) brachliegenden Areal Büdingen an der Seestraße. In beiden Fällen gelang es engagierten Bürgern, den offiziellen Planungen erheblichen Widerstand entgegen zu setzen, oft gegen die erklärte Meinung der damals keineswegs neutralen Lokalpresse. Dabei verschwammen auch die Grenzen zwischen linksalternativem und überparteilichem Engagement. Ein Phänomen, das für Konstanz nicht nur bei diesem Thema charakteristisch ist.

Freund & Feind

Die linksalternative Szene war keineswegs ein inniger Freundeskreis mit identischen Ideen und Forderungen. Allerdings gab es eine Reihe von Feindbildern, die von den meisten geteilt wurden. Auf der Gegenseite war dies nicht viel anders. Interessant dabei ist vor allem, wie hartnäckig diese Gegensätze einerseits verbal kultiviert und wie oft sie andererseits wieder unterlaufen wurden. So trafen sich in der Friedensbewegung katholische Pax-Christi-Anhänger mit linksautonomen Atheisten oder es agierten in der Autobahndebatte linke und bürgerliche Interessenvertreter gemeinsam. Allerdings bildete die linksalternative Szene eine für sie durchaus charakteristische Protestkultur aus, in der sich kreative, häufig auch halblegale und illegale Aktionsformen provokativ miteinander verbanden.

Meinen & Wissen

Dass die Universitätsgründung für Konstanz nicht nur eine ökonomische, sondern auch kulturelle Veränderung bedeutete, steht außer Frage. Die Uni ist aber auch der Ort, an dem akademisches Wissen und politische Meinungen in einer besonderen Vielfalt und nicht selten in besonderer Radikalität artikuliert und prozessiert werden. Für die linksalternative Szene entstand hier der Raum und die Möglichkeit in feministischen, marxistischen, ökologischen oder anderen Gruppierungen Meinungsbildung zu betreiben und Aktionen zu entwickeln.

Diese Positionen trafen in der Konstanzer Öffentlichkeit auf das publizierte Meinungsmonopol einer in den Anfangsjahren dezidiert konservativen Regionalzeitung. Rasch bildeten sich verschiedene Projekte alternativer Öffentlichkeit aus. Das ‚Nebelhorn’, die ‚Neuen Seeblätter’, Radio ‚Wellenbrecher’ sowie eine Flut an kurzlebigen Postillen und Flugblättern bezeugen vor allem eines: Die alternative Szene hatte den Kampf um die öffentliche Meinungshoheit aufgenommen und – wie auch immer – belebt.


28.4.-28.6.2009
Kulturzentrum am Münster
Wessenbergstrasse 43
78462 Konstanz


Bild: Symbol der Hausbesetzer in den 60iger Jahren




Autor/In: PM

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