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Mittwoch, 10.06.2009

Randale in Hörsaal A 702

Handgreifliche Auseinandersetzungen gab es bei einer Veranstaltung der Bundeswehr in der Konstanzer Universität. Wobei man sich fragt: Was macht die Bundeswehr in der Uni? Es gab Proteste und Krawalle. Wobei man sich fragt: Wer hat das Hausrecht in der Uni? Ein Augenzeuge berichtet:
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Mit dem Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ beginnt eine Studentin ihre Gegenrede bei einer Veranstaltung der AG Sicherheit und Internationale Verteidigung. Unterdessen karikiert ein als Pirat verkleideter Student die Gastgeber und entlarvt im weiteren Verlauf die vermeintlich friedensstiftenden Soldaten.

Friedliebende Soldaten sollen uns bei den Bundeswehr-Missionen in aller Welt vor dem internationalen Terrorismus beschützen. Davon ist auch der durchaus sympathische Referent und Kapitänleutnant Timo Kompst überzeugt. Es sei auch nicht als Werbeveranstaltung für die Bundeswehr angelegt, was der 32-jährige versuchte als legitimes Vorgehen gegen Piraterie vor der somalischen Küste zu verkaufen.

Der Pirat stört

Während Kompst am Anfang des Vortrages noch Ausführungen über seine Biografie macht, gewährt er der Studentin kurz Rederecht, die Stellung gegen den Bundeswehr-Einsatz in Somalia bezieht. Drei Studierende unterstützen sie mit einem Banner „Beim Bund ist alles doof“. Die Bundeswehr bekämpfe die Symptome, nicht aber die Ursachen, so die Grundessenz. Noch während ihrer Rede sorgt ein als Pirat verkleideter Student für Aufsehen und polarisiert während der Veranstaltung das Publikum, indem er zunächst mit gespielt-gebrochenem Englisch auf die schwierige soziale Lage der Bevölkerung von Somalia eingeht.

Immer wieder stellt der „Pirat“ kritische Fragen und wird von Kommilitonen diverser Hochschulgruppen und anderer kritischer Zuhörer unterstützt. Neben den Auslandseinsätzen der Bundeswehr bemängeln sie, dass ihre Universität militärischen Gruppierungen eine Plattform bietet. So melden sich mehrere Anwesende bei zweifelhaften Aussagen des Referenten zu Wort, ihre Fragen sollen aber wegen der Störung „erst zum Schluss beantwortet“ werden.

Letztlich begleitet ein angesäuerter junger Konservativer den „Piraten“ nach draußen und droht ihm mit der Polizei – wohlgemerkt bei einer öffentlichen Veranstaltung. Da er den Raum angeblich angemietet hat, habe er schließlich Hausrecht. Die Freundin des „Piraten“ fordert den Rausschmeißer auf, ihr seinen Namen zu geben, damit er seine Behauptungen nachweisen könne. Nach einem kurzen Wortgefecht wird der junge Mitorganisator des Bundeswehrvortrages – von den meisten Leuten unbemerkt – auch handgreiflich.

Der Türsteher würgt

Da er dies vehement bestreitet, verlassen daraufhin die meisten der Veranstaltungsprotestler den Hörsaal und wollen, dass Anzeige erstattet wird. Deswegen besorgt sich die Gruppe eine Kamera, um den vermeintlichen Gewalttäter zu fotografieren. Als ein Protestteilnehmer ein Foto schießen will, verlieren die Veranstalter endgültig die Nerven. Vier von ihnen stürmen aus dem Hörsaal und packen den Fotografierenden. Trauriger Höhepunkt: Der soeben noch selbst ernannte Türsteher, der alle Gewaltanschuldigungen von sich weist, würgt den Fotografierenden am Hals. Nur das beherzte Einschreiten zweier Frauen und der Protestgruppe verhindert Schlimmeres.

Die Protestgruppe ruft spontan mehrfach laut gegen das unbeholfen wirkende und gewalttätige Agieren der Konservativen: „Ich kann nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Uniform!“ Drei Polizeiautos parken vor der Uni – kein Uniformierter greift ein.

Aber auch die Qualität des Vortrages verlangt nach Kritik: Das Scheinargument der globalen Sicherheit und der Sicherung der Demokratie wird mehrfach als Vorwand genommen, um das militärische Vorgehen in aller Welt zu rechtfertigen. Laut Kapitänleutnant Kompst hat die Bundeswehr keine kollektive Meinung. Aber wer keine Meinung hat, ist manipulierbar.

Ob EU-Missionen, wie vom Vortrag des Referenten Kompst beschrieben, oder Operationen der NATO – eines haben solche Militäraktionen über kurz oder lang gemeinsam: An sämtlichen Einsatzorten, sei es im IRAK, in Afghanistan oder dem Horn von Afrika, zielt das Handeln der Truppen auf das Festigen und Ausbauen der Vormachtstellung der westlichen Industriestaaten ab. US-treue Regierungen werden installiert, wahre Opposition behindert,

Aber wie schon die Operation Enduring Freedom in Afghanistan sowie das Eingreifen in Somalia gezeigt haben: Militärmissionen sind längst nicht mehr letztes Mittel der politischen Auseinandersetzung. Es drängt sich zwangsläufig die Frage auf: Bekämpft man die Armut oder eher die Armen? Ebenso stellt sich die Frage: Bekämpften die friedensstiftenden Mitglieder der AG Sicherheit und Internationale Verteidigung den Protest oder die Protestierenden?



Autor/In: Ryk Fechner

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